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Blah! Weyershausens wunderbares Blogbuch

Komische Bilder und Bildergeschichten 2017

 

ImageAls ich vor drei Jahren anfing an der Marburger Sommerakademie zu unterrichten, fand ich in einem Buch folgendes Zitat von Pablo Picasso: »Das einzige, was ich im Leben bedaure, ist keine Comics gezeichnet zu haben.«

Anders als viele seiner Zeitgenossen hatte Picasso erkannt, dass dieses Medium einem Künstler unzählige Möglichkeiten bietet.

Was wie von leichter Hand dahingeworfen aussieht, ist oft das Resultat von langer Vorarbeit, Skizzen und Recherche. Seitengestaltung, Perspektive, Anatomie wie auch Typografie gehören zu den Grundlagen des Handwerks. Ein Cartoonist sollte die Fähigkeit besitzen, Dinge auf den Punkt zu bringen. Und auf den Punkt gebracht ist es das Ziel des Kurses »Komische Bilder und Bildergeschichten« allen Teilnehmern die Basis des humoristischen Zeichnens zu vermitteln – vom Einzelbildcartoon zum Comicstrip bis hin zum politischen Kommentar.

Vom 31. Juli bis zum 4. August 2017 kann sich jeder selbst davon überzeugen, dass Comics und Cartoons komplexer sind, als die meisten Leute ahnen. Alles was man braucht, sind Stifte, Zeichenpapier und eine gehörige Portion Kreativität. Anmeldeschluss ist der 30 Juli. Wir sehen uns in Marburg!

Luke Skywalkers Walker

 

ImageEs gibt Geburtstage, die ich so richtig hasse. Zunächst einmal meine eigenen. Aber die sollen uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren. 2017 ist das Jahr, in dem »Star Wars« 40. Geburtstag feiert. Am 25. Mai, genauer gesagt. In Deutschland dauert es etwas länger, vielleicht weil man nach einigen unschönen Erfahrungen Kriegen gegenüber etwas kritisch eingestellt war. Jedenfalls mussten teutonische Teenager bis zum 9. Februar des Folgejahres auf Luke Skywalker warten – schon allein aus wirtschaftlichen Gründen eine höchst kuriose Entscheidung. Doch von einer Zeit, in der sich Männer in enge Polyesterhemden zwängten, die bis zum Bauchnabel geöffnet waren, darf man keine Logik erwarten.

Das Jahr 2016 war nicht weniger deprimierend: Am 25. September feierte Herr Skywalker alias Mark Hamill nämlich seinen 65. Geburtstag! Damit ist er älter als Obi Wan Kenobi, dessen Darsteller Alec Guinness 1977 lächerliche 62 Lenze zählte.

Wo sind sie hin, die letzten 40 Jahre? Meinen Eltern erging es 1977 ebenso. Damals gab es in den dritten Programmen eine Sendung, in der jeden Samstag 40 Jahre alte Wochenschauen aus aller Welt gezeigt wurden. Der Titel der Reihe lautete (man ahnt es bereits): »Vor 40 Jahren«. Sicher kein besonders origineller Titel, doch damals waren Redakteure so sehr damit beschäftigt, nicht über ihre Schlaghosen zu stolpern, dass sie dafür einfach keine Kapazitäten besaßen.

1937 war ein ereignisreiches Jahr: Im Januar betrat Ingrid Christensen als erste Frau die Antarktis. Im April fand im Spanischen Bürgerkrieg der Luftangriff auf Guernica statt, der im selben Jahr von Picassos gleichnamigen Meisterwerk verewigt wurde. Im Mai wurde der Vater der Queen, Georg VI., zum König von England gekrönt. Im Juni feierte die »Carmina Burana« von Carl Orff ihre Uraufführung. Im Juli löste ein Zwischenfall an der Marco Polo-Brücke in Peking den zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg aus. Im September wurde das Buch »Der Hobbit« von J. R. R. Tolkien veröffentlicht. Und zu guter Letzt feierte im Dezember, kurz vor Weihnachten, »Schneewittchen und die sieben Zwerge«, der erste abendfüllende Zeichentrickfilm von Walt Disney, seine Premiere.

All das konnte man damals an jeden Samstag in grobkörnigen Schwarzweiss erleben. Die monochromen Bilder unterstrichen die zeitliche Distanz noch. Wie anders war da die vollfarbige Gegenwart. 1977 ist ein Jahr, an das ich mich heute nur noch bruchstückhaft erinnern kann:

Im Januar wurde Jimmy Carter der 39. Präsident der USA. Im April ermorden Terroristen der RAF den Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Im Mai kamen bei der größten 1. Mai-Demo in der Geschichte der Türkei 37 Menschen gewaltsam ums Leben. Im Juni wurde Menachem Begin Ministerpräsident des Staates Israel. Im Oktober ermordete die RAF den entführten deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Im September starb der südafrikanische Bürgerrechtler Steve Biko nach Folterungen der Polizei im Gefängniskrankenhaus von Pretoria. Sein Tod wurde zum Symbol der Widerstandsbewegung gegen das Apartheidsregime. Im Oktober befreite die GSG9 in Mogadischu ein von Terroristen entführtes Flugzeug. Woraufhin die inhaftierten Anführer der RAF Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen Selbstmord begingen. Oder war es Mord? Diese Frage spaltete damals die Nation.

Für diejenigen, die damals lebten, sieht das Jahr 1977 heute gar nicht so weit weg aus. Jedoch: Sollte man wieder anfangen in den dritten Programmen alte Wochenschauen aus den 30ern zu zeigen, würde die Sendung wohl »Vor 80 Jahren« heißen – denn die heutigen Redakteure sind so sehr mit Social Media beschäftigt, dass sie für gute Titel einfach keine Kapazitäten haben.

Diese schlichte Erkenntnis und die Erkenntnis, dass ich inzwischen älter bin als mein Vater im Jahre 1977 (und in nicht allzu ferner Zukunft ein ebenso alter Zausel sein werde wie Obi Wan Kenobi) haut mich einfach um. Also, Happy Birthday, Luke Skywalker! Happy Birthday, Stars von Star Wars! Möge die Pflegeversicherung mit Euch sein!

Herr Knoedler

 

ImageIch habe mich oft gefragt, was wohl aus Ottheinrich Knödler geworden ist. Jener Herr Knödler, der vor vielen Jahren, gleich nach der »Ziehung der Lottozahlen« und der »Tagesschau«, das »Wort zum Sonntag« sprach. Damals war die Menschheit so labil, dass nach Rudi Carrell und vor dem Spätfilm mit John Wayne akute Seelsorge betrieben werden musste. Es war ein hartes Leben, dass gerade Familienvätern nicht viel bot. Nach der Autowäsche und vorm aktuellen Sportstudio war da ein großes schwarzes Loch, das mit Social Media noch nicht gefüllt werden konnte. Höchstens vielleicht mit Bier.

Ohne Männer wie Ottheinrich Knödler wäre es wahrscheinlich zu Amokläufen und Massenselbstmorden gekommen. Vor allem, wenn Vattern mal wieder im Lotto daneben getippt hätte. Beim Wort zum Sonntag brachten gestandene Pfaffen das Fernsehvolk wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Schließlich hatte Jesus auch nie sechs Richtige im Lotto gehabt. Das war zumindest ein kleiner Trost. Übrigens gab es später auch beim ZDF ein Wort zum Sonntag. Es wurde von Peter Hahne in Form einer Nachrichtensendung verbreitet.

Männer wie Ottheinrich Knödler gibt es heute leider nicht mehr. Wo sollten sie auch hin? Das Wort zum Sonntag wird nun von blassen, medientauglichen Theologen gesprochen, die auf solch langweilige Namen wie »Dr. Wolfgang Beck« und »Anette Behnken« hören. Wie sagt man so schön: Der Name ist Programm.

Schuld sind natürlich mal wieder die Eltern. Mit Namen wie Dankward, Auguste, Hitlerike, Chlodwig, Gisbert, Irmtraud, Adolar oder noch besser Fürchtegott hätte aus den erwähnten Theologen durchaus etwas werden können. Aber so? Viel zu oft vergisst man: Der richtige Name ist wichtig! Hellmuth Karasek konnte praktisch nur als Literaturkritiker enden. Als Helmut Karasek hätte er es höchstens zum SPD-Ortsbürgermeister von Hamburg-Eimsbüttel gebracht.

Bei mir entschieden sich meine Eltern für Karsten mit K. Eigentlich sollte ich ein Michael werden, aber da ist die Nachbarsfamilie meinen Eltern leider zuvorgekommen – und man will ja originell sein. Da ein Umzug zu teuer gewesen wäre, entschied man sich zur pränatalen Namensänderung. Ich frage mich oft (eigentlich noch öfter als »was wohl aus Ottheinrich Knödler geworden ist«), wie mein Leben als Michael wohl verlaufen wäre.

In meiner Grundschulklasse gab es gleich mehrere Michaels, mit denen ich mich hätte verbrüdern können. In einer Schule, die vorwiegend von Bernds, Jörgs und Dirks bevölkert wurde, war ein Karsten mit K natürlich ein unbequemer Abweichler. Da blieb nur die Flucht in die Zeichnerei, während ich als Carsten mit C heute sicher ein Leben als Sozialpädagoge oder C&A-Hemdenverkäufer fristen würde.

Aber ich will mich nicht beschweren: Mit einem Namen wie Ottheinrich wäre einem wahrscheinlich nichts anderes übrig geblieben, als Drummer in einer Punkband zu werden. Da Ottheinrich Knödler 1931 geboren wurde, war es für die ganz große Punkrock-Karriere ein wenig zu spät. Doch immerhin erhielt er für seine zahlreichen Samstagspredigten die Bundesverdienstmedaille, so las ich heute. Beim Fernsehen landete der ehemalige Schuldekan nur »aus Spaß«. Gestorben ist er im letzten Jahr – doch sein Geist lebt weiter. Denn nie wurde in den Medien so viel geknödelt wie heute.

Endstation Sofa

 

ImageDer erste Eindruck ist oft der entscheidende. Mein erster Eindruck von der Welt der Malerei war ein Alpenpanorama, das bei meinen Eltern über dem Sofa hing. Bei meinen Großeltern sah man ein ähnliches Bild, welches sogar einen röhrenden Hirsch bieten konnte. Meine andere Oma hatte dagegen Drucke von Margaret Keane im Flur hängen. Ich erinnere mich besonders an ein glubschäugiges Kind mit einer Blume in der Hand.

Etwas gehobener ging es beim Zahnarzt meiner Mutter zu, dessen Wartezimmer-Wände impressionistisch angehauchte Venedigimpressionen zierten. Der Clou war aber ein Ölgemälde, das über dem Ehebett meiner Tante Elfriede hing: ein Engel, der in sturmgepeitschter Nacht zwei Kinder über eine Brücke geleitet. Kein Wunder, dass sie nie Nachwuchs hatte. Auch ich hatte Alpträume, wenn ich auf Familienfesten in diesem Bett schlafen musste.

Alpine Bergpanoramen kamen zum Glück irgendwann aus der Mode. Später besuchte ich einen Freund, der alle Altenheime der Region abklapperte, um solche Ölschinken zu ergattern. Eines seiner Zimmer war vom Boden bis zur Decke komplett mit der Flora und Fauna der heimischen Bergwelt bedeckt. In dieser Massivität wirkte so etwas schon wieder beeindruckend. Über die ästhetischen Irrungen und Wirrungen meiner Sippe konnte ich nur lachen. An meinen Wänden fristen ausschließlich alte Filmplakate, die ich mit Tesa befestigte, ihr Gnadenbrot: Star Wars, Godzilla und ähnliche cineastische Leckerbissen.

Später traf ich immer wieder Menschen, die ihre Kunst direkt im Möbelhaus kauften – passend zum Sofabezug. Was dort hing, war ihnen irgendwie egal. Nur geschmackvoll sollte es sein. Was bedeutet: möglichst neutral und langweilig. Man will ja schließlich niemanden aufregen. Kaufhauskunst nennt man das wohl. Im Grunde ist es die Fortsetzung der Wohnzimmertapete mit gehobenen Mitteln. So tragen wir unser eigenes Kunstverständnis tagtäglich auf unseren Wänden zur Schau.

Pech für alle Künstler, die Verstörendes auf die Leinwand bringen. Vor ein paar Jahren malte einer meiner Freunde eine ganze Serie sogenannter »Cum Shots«. Zuerst vermutete ich, es handele sich um Frauen, die unter der Dusche stehen. Dann erkannte ich, dass es sich um eine andere Flüssigkeit als Duschgel handelt. So ein Bild hätte ich gern in meiner Wohnung. Wenn ich eine Party geben würde, wäre für jede Menge Konversation gesorgt. Zudem wäre es schön, alle Menschen zu schockieren, die sich von avantgardistischen Motiven brüskiert fühlen. Kunst sollte schließlich aufrütteln, nicht einschläfern. Eine meiner Verflossenen sagte einst: »Das schlimmste Verbrechen, das man begehen kann, ist mich zu langweilen«. Recht hat sie. Dass sie es sagte, bevor sie ihren Kram packte und mich verließ, ist natürlich eine andere Geschichte.

Zuerst dachte ich, mein Freund würde mit diesen »Cum Shots« den großen Durchbruch schaffen. Doch dem war leider nicht so. Die breite Masse mag lieber Drucke alter Meister, antike Fotos von Bauarbeitern, die in höchsten Höhen auf Stahlträgern frühstücken, Fotos von Sonnenuntergängen, Babys oder noch besser: Katzenbabys. Die Romantiker unter uns hängen sich Bildnisse von Einhörnern, Wasserfällen und schillernden Regenbögen übers Sofa. Weil der Blick von dort aus sowieso meist Richtung Fernseher schweift, ist das nicht weiter tragisch.

Auch ich habe Kaufhauskunst in meiner Wohnung. In meiner Küche, dem Raum also, in dem ich mich am wenigsten aufhalte, hängen zwei Bilder aus dem Hause Ikea. Ich habe mir nie die Mühe gemacht, die – höchst geschmackvollen – Fotos, die sich in den Rahmen befinden, auszutauschen. Und ich liebe die entsetzten Blicke meiner unangepassten Freunde, wenn sie meine Küche betreten.

Die Toten

 

ImageVor ein paar Tagen ist die alte Frau Warnitzky vom Nachbarhaus gestorben. Obwohl ich ihr oft »Guten Tag« sagte und wir im Laufe der Jahre sogar einige Worte wechselten (meist über den schlimmen Zustand des Müllcontainers), hat mich ihr Ableben keine Sekunde lang beschäftigt. Ganz wie bei »Spreewaldgurke« Achim Mentzel, »Grizzly Adams« Dan Haggerty oder »Die Hard«-Bösewicht Alan Rickman. Auch beim Ableben von Maurice White, dem Gründer der Band »Earth, Wind and Fire« und des Astronauten Edgar Mitchell kam keine echte Trauer auf. Auch wenn es hart klingt: Es gibt einfach Menschen, die einem egal sind.

Als vor ein paar Wochen David Bowie starb, war das schon etwas Anderes. Obwohl Bowie und ich nie über Müllcontainer gesprochen hatten (wenn ich recht überlege, war unsere Beziehung stets etwas einseitig), war er durch seine Musik irgendwie Teil meines Lebens geworden. Und das obwohl ich ihn im Gegensatz zu Frau Warnitzky nie getroffen habe! Auch Roger Willemsen konnte dies von sich behaupten. Zuerst begegnete mir der junge Herr Willemsen in seiner Sendung »0137« auf Premiere, doch es war keine Liebe auf den ersten Blick. Trotz aller Ironie wirkte er auf mich wie ein weiterer televisionärer Krawattenheini ohne Ecken und Kanten – nur mit wesentlich mehr Bildung, die er auch gern zur Schau stellte.

Dieses vorgefertigte Bild wurde gründlich erschüttert, als er ein paar Jahre später in seiner Nachfolgesendung »Willemsens Woche« den damaligen Focus-Chefredakteur Helmut Markwort vor laufender Kamera in den verbalen Schwitzkasten nahm. Der zunächst jovial grinsende Markwort, ganz auf eine kuschelige Plauderstunde eingerichtet, wurde unerwartet von seinem Gastgeber bis zur Schmerzgrenze in die Enge getrieben. »Sie sollten sich was schämen«, schimpfte sein nächster Talk-Gast Inge Meysel empört.

Das Interview hatte Folgen. Willemsen wurde abgemahnt und die Sendung landete im Giftschrank des Senders. Kurz: Es war eine Sternstunde des deutschen Fernsehens. Danach kehrte er zum harmlosen Schmuse-Talk zurück. Allerdings etwas halbherziger als vorher, wie mir schien.

In den kommenden Jahren besuchte ich eine seiner Lesungen und eine weitere Veranstaltung, auf der er seine Lieblingsplatten präsentierte, und ich sah ihn fast regelmäßig auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig. Meist in Begleitung einer attraktiven Dame, die aufmerksam seinem Redefluss lauschte.

Auch von seinen Büchern stehen einige in meinem Regal. Sein Essay über den ebenfalls von uns gegangenen Hellmuth Karasek (Titel: »Der Kulturbeutel«) gehörte zu den komischsten und zugleich brutalsten, was ich auf dem Gebiet öffentlicher Hinrichtungen lesen durfte. Die Mischung aus Intelligenz und Witz hat bei uns noch immer Seltenheitswert. Kein Wunder, dass mir der Autor Willemsen stets besser gefiel als die Fernsehpersönlichkeit.

Einmal erhielt ich sogar die Chance, ein paar Worte mit dem Mann zu wechseln. Zum Glück kam etwas dazwischen. Denn was hätte ich ihm sagen sollen? Vielleicht: »Gut gemacht!« Oder: »Nur weiter so!« Wahrscheinlich das gleiche, was ich David Bowie gesagt hätte.

Nun ist Roger Willemsen tot und alle sind traurig. Und ich bin überrascht, wie traurig uns die Tatsache seines Ablebens macht, auch wenn uns der Tod unserer Nachbarn relativ am Arsch vorbei geht. Vielleicht weil vermeintlich Fremde manchmal unsere Seele berühren, während wir mit dem Nachbarn nur über Müll reden.

Ist Goetterspeise Blasphemie?

 

ImageEines Tages stand der Pfarrer bei meinen Eltern vor der Tür. Er frage sich, erzählte er meinen Erzeugern, wieso ich nicht zum Konfirmandenunterricht erscheine. »Weil ich nicht an Gott glaube«, antwortete ich blitzschnell. Diese Offenheit schien ihn zu verwirren. Ohne weitere Diskussionen zog der wackere Gottesmann weiter. »Keine Angst, der Junge wird auch noch erwachsen«, tröstete er meine Eltern zum Abschied. Zu meinem Unglück sollte er recht behalten.

Dabei fand ich die Geschichten aus der Bibel eigentlich prima. Vor allem Bibelverfilmungen hatten es mir angetan. Sie strotzten nur so vor krausen Ideen, Gewalt und billigen Special Effects. Quentin Tarantino hätte es nicht besser machen können. Doch auch andere Religionen fand ich spannend.

Zum Beispiel Scientology: Wer die oberste Stufe erreicht hat, ist immun gegen Atomstrahlen und kann sogar mit Tieren sprechen. Sagt man. Eingefleischte Scientologen glauben angeblich an Xenu, einen fiesen galaktischen Herrscher, dessen 75 Millionen Jahre zurückliegende Taten das heutige Leben auf der Erde maßgeblich beeinflussen. Mit der Hilfe von Psychiatern(!) soll er Millionen von Menschen unter dem Vorwand einer »Einkommensteuer-Inspektion« vorgeladen haben, um sie mit Injektionen von Alkohol und Glykol zu lähmen. Und das ist nur der Anfang der Geschichte!

Schriftsteller Harlan Ellison erzählt gern, dass er damals zugegen war, als sein Kollege L. Ron Hubbard verkündete, er habe es satt, für einen Hungerlohn Science Fiction zu schreiben. »Dann gründe doch einfach eine Religion«, riet ihm einer seiner Freunde im Scherz. Hubbard gefiel die Idee. Der Rest ist (Glaubens-)Geschichte.

Die Mormonen haben es da besser. Kontroversen gibt es bei ihnen kaum. Nach mormonischer Überlieferung hat der Prophet Joseph Smith jr. das Buch Mormon 1827 von goldenen Platten, die er in den Hügeln Cumorah fand, übersetzt. Gesehen hat diese Platten außer ihm allerdings niemand. Seine frohe Botschaft von Gott hörte sich so schön an, dass Smith schnell Anhänger fand. Auch wenn sich vieles im Buch Mormon höchst absurd anhört: 15 Millionen Gläubige können sich nicht irren. Oder doch?

Eine andere beliebte Religion vertritt die wahnwitzige Theorie, unser Planet sei innerhalb einer Woche entstanden und Frauen entstammen einer Rippe, die dem Manne entnommen wurde, während dieser kurz eindöste. »Samenraub« kennen wir dank Boris Becker zum Glück. Aber »Rippen-Klau«? Ferner stamme die gesamte Weltbevölkerung von einem einzelnen Paar ab. Dass Inzest zu Schwachsinn führt, ist ja hinlänglich bekannt. Zumindest haben wir so wenigstens eine gute Ausrede, wenn die Menschheit mal wieder Mist baut.

Die Weltreligionen wimmeln von Absurditäten dieser Art. Selbst »Perry Rhodan« macht mehr Sinn. Nicht wenigen Gläubigen sind die albernen Aspekte ihrer Religion etwas peinlich. Einige Scientologen versuchen daher die Science-Fiction-Motive ihres Glaubens herunterzuspielen. Progressive Christen behaupten schon seit Jahrzehnten, bei der Schöpfungsgeschichte handle es sich lediglich um ein Gleichnis. Doch keiner von ihnen kann so recht erklären, wieso ausgerechnet ein Haufen alternder männlicher Jungfrauen in der Lage sein soll »Gottes Stellvertreter auf Erden« zu wählen.

Diese Religion! Irgendwie scheint der Mensch nicht ohne sie existieren zu können. Allein die Vorstellung, dass unser Leben eines Tages einfach vorbei ist, scheint für die Mehrheit unerträglich zu sein. Daher bieten die meisten Religionen ein Leben nach dem Tod, ein schönes gemütliches Paradies (mit oder ohne 72 Jungfrauen), unsterbliche Seelen oder Reinkarnation an. Da macht das Sterben doch gleich mehr Spaß.

Vielleicht ist es auch die Macht der Gewohnheit. Religion ist etwas, das man von seinen Eltern übernimmt; wie den ganzen Tag im Jogginganzug vor dem Fernseher zu hocken, abgeschnittene Fußnägel in Bierdosen zu stecken oder andere unschöne Angewohnheiten. Man denkt einfach nicht darüber nach. Man denkt ja auch nicht darüber nach, wieso Donald Duck keine Hose trägt und trotzdem nie verhaftet wird.

Dass der Glaube eine sehr persönliche Sache ist und jeder nach seiner eignen Façon selig werden soll ist zwar in der Theorie eine gute Idee, doch die Praxis sieht leider anders aus. Viele Gläubige treibt ein geradezu missionarischer Eifer in die Fußgängerzonen, um dort ihre diversen Flugblätter an den Mann (bzw. an die Frau) zu bringen. Es reicht eben nicht, dass man »seinen« Gott gefunden hat. Alle anderen sollen ihn gefälligst ebenfalls anbeten. Falls sie das jedoch verweigern, sprengt man sie notfalls in die Luft. Wenn man selbst dabei draufgeht, dann ist das nicht weiter tragisch, denn im Paradies lebt es sich ohnehin komfortabler als in einer engen Sozialwohnung. Für einige männliche Singles ist das Paradies zudem die einzige Möglichkeit ein paar willige Jungfrauen kennenzulernen. Apropos Jungfrauen: Frauen haben in den meisten Glaubensrichtungen am wenigsten zu lachen. Warum gerade sie zu den größten Fürsprechern der Religion zählen, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Ein anderer Grund, wieso Religionen so beliebt sind, hat mit der Eigenverantwortung zu tun, die einem die Kirche abnimmt. Gott verzeiht schließlich alles. So braucht man nicht aus seinen Fehlern zu lernen, sondern muss einfach nur ganz viel beten.

Karl Marx behauptete einmal, Religion sei Opium fürs Volk. Dennoch hat die Religion wesentlich mehr Menschenleben gekostet als alle Opiumhöhlen dieser Welt zusammengerechnet. Einige werden jetzt vielleicht einwenden, dass die Religion auch Gutes bewirkt hat. Das stimmt: Zum Beispiel haben viele Pädophile dank der Kirche ein Dach über dem Kopf. Selbst im Internet trifft man auf Gott, denn »God« hat sogar eine eigene Fanseite bei Facebook – und zwar als »Comedian«. 2.263.404 Menschen scheint er zu gefallen. Das hört sich zunächst nach sehr viel an, doch wenn man bedenkt, dass Arnold Schwarzeneggers Fanseite mit 14.127.256 Anhängern aufwarten kann, kommt man nicht umhin, sich Sorgen zu machen.

Übrigens verlor ich irgendwann das Interesse an den Bibelverfilmungen. Der Pfarrer hatte recht: Ich wurde erwachsen und begann mich für die Realität zu interessieren, statt in Fantasiewelten zu flüchten. Inzwischen ist mein Desinteresse in eine regelrechte Abneigung umgeschlagen. Noch nie waren mir Gott und sein Fanclub so unsympathisch wie heute. Besonders ein Jahr nach dem Attentat auf »Charlie Hebdo«. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass wir Europäer gegenwärtig den islamistischen Terror fürchten wie früher Beelzebub. Zu Zeiten der Kreuzzüge mussten sich die Moslems vor den Christen fürchten – ein anderer Beweis dafür, dass sich die Geschichte immer kreisförmig bewegt.

Es ist schon merkwürdig, wie ein paar jahrhundertealte Schriften die Menschheit noch immer spalten: in Kirchensteuerpflichtige und Atheisten. Nur bringen die Atheisten Andersgläubige nicht um.