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Zum Geleit

 

ImageDa ich ein Buch möglichst unvoreingenommen lesen möchte, vermeide ich es, im Vorfeld zu viel über den Inhalt zu erfahren. Daher lese ich Vorworte prinzipiell immer zuletzt. Und in einigen Fällen lese ich sie gar nicht.

Ich würde sogar behaupten, dass die meisten Vorworte schlichtweg überflüssig sind. Oft sind es mehr oder minder amüsante Lobhudeleien, die von einem prominenten Freund des Verfassers fabriziert wurden, der vom Verlag in die Rolle des Lobreden-Schreibers hineingedrängt worden ist. Natürlich gibt es auch gewohnheitsmäßige Laudatoren, wie beispielsweise den verstorbenen Hellmuth Karasek, der die Kunst beherrschte, ganze Seiten zu füllen, ohne nennenswerte eigene Erkenntnisse zu offenbaren. Aber der Inhalt ist in so einem Fall ohnehin nebensächlich. Wichtig ist, dass der Verlag den Namen des prominenten Lobredners werbewirksam auf dem Cover platzieren kann.

Unschöne Erfahrungen auf dem Gebiet der Promi-Präambel machte der amerikanische Verlag Fantagraphics. Als man dort das Sachbuch »How To Read Nancy« herausbrachte, wollte man dem Leser neben einer sachlichen Einleitung von Professor James Elkins etwas wirklich Gegensätzliches bieten. Und was wäre Gegensätzlicher als Comedy-Urgestein Jerry Lewis?

Lewis erklärte sich sofort bereit und versprach innerhalb einer Woche ein Vorwort zu liefern. Als das Vorwort nach einem halben Jahr schließlich kam, bestand es aus sechs Sätzen (jedoch in Großbuchstaben), in denen Lewis erklärte, das Buch nicht gelesen zu haben, er aber sicher sei, dass es »QUALITY READING« bot. Nachdem der verzweifelte Lektor die Sekretärin des Altstars mit Blumen und einem Glas selbstgemachter Marmelade bestach, konnte man Lewis schließlich ein neues, etwas ernsthafteres Vorwort, das immerhin vier vollständige Sätze umfasste, abringen.

Natürlich gibt es auch Experten, die ganze Karrieren mit den Verfassen von Vorworten bestreiten. Die meisten bemühen sich, das Buch oder den Autor zu erklären. Niemand würde auf die Idee kommen, in einem Kunstmuseum unter jedem Exponat eine Interpretation anzubringen. Das käme einer Beleidigung des Betrachters gleich. Bei Büchern ist das anders. Besonders wenn der Verfasser das Zeitliche gesegnet hat, werden solche Interpretationen geradezu abenteuerlich.

Ist der ganze Roman nicht die Verarbeitung einer unglücklichen Ehe? Und hat die Schurkin der Geschichte nicht eine auffällige Ähnlichkeit mit der ungeliebten Schwippschwägerin des Verfassers? In den meisten Fällen möchte der Verlag dem Buchkäufer wohl nur das schöne Gefühl geben, etwas ganz Besonderes in den Händen zu halten – was etwa einer literarischen Fortsetzung der Customer Reassurance entspricht. Obwohl es natürlich auch viele Menschen gibt, die gern alles mundgerecht vorgekaut haben möchten.

Es ist jedoch nicht alles schlecht. In der Kurzgeschichtensammlung »Fliegenpapier« von Dashiell Hammett schrieb dessen ehemalige Lebensgefährtin Lillian Hellman ein beispielhaftes Vorwort, in dem sie Hammetts Leben und Werk weder zerredet noch zu Tode analysiert. Der Mythos, der den legendären Krimischreiber heute umgibt, basiert auf diesem Text. Doch auch hier gab es Kritiker, die Hellman romantisierende Geschichtsverfälschung vorwarfen.

Einige Autoren schreiben daher ihre Vorworte lieber selbst, denn nur so kann man als Künstler wirklich sicher sein, nicht missverstanden zu werden (und hat zudem die Chance, an der eigenen Legende zu stricken). Harlan Ellison ist in dieser Disziplin wohl der Platzhirsch. Jede seiner Kurzgeschichten wird von einem Vorwort eingeleitet, das manchmal länger ist als die Geschichte selbst. Die meisten dieser Einleitungen sind jedoch so amüsant, dass man davon eigentlich eine Sammlung herausbringen müsste … eingeleitet natürlich von einem Vorwort.

Herr Knoedler

 

ImageIch habe mich oft gefragt, was wohl aus Ottheinrich Knödler geworden ist. Jener Herr Knödler, der vor vielen Jahren, gleich nach der »Ziehung der Lottozahlen« und der »Tagesschau«, das »Wort zum Sonntag« sprach. Damals war die Menschheit so labil, dass nach Rudi Carrell und vor dem Spätfilm mit John Wayne akute Seelsorge betrieben werden musste. Es war ein hartes Leben, dass gerade Familienvätern nicht viel bot. Nach der Autowäsche und vorm aktuellen Sportstudio war da ein großes schwarzes Loch, das mit Social Media noch nicht gefüllt werden konnte. Höchstens vielleicht mit Bier.

Ohne Männer wie Ottheinrich Knödler wäre es wahrscheinlich zu Amokläufen und Massenselbstmorden gekommen. Vor allem, wenn Vattern mal wieder im Lotto daneben getippt hätte. Beim Wort zum Sonntag brachten gestandene Pfaffen das Fernsehvolk wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Schließlich hatte Jesus auch nie sechs Richtige im Lotto gehabt. Das war zumindest ein kleiner Trost. Übrigens gab es später auch beim ZDF ein Wort zum Sonntag. Es wurde von Peter Hahne in Form einer Nachrichtensendung verbreitet.

Männer wie Ottheinrich Knödler gibt es heute leider nicht mehr. Wo sollten sie auch hin? Das Wort zum Sonntag wird nun von blassen, medientauglichen Theologen gesprochen, die auf solch langweilige Namen wie »Dr. Wolfgang Beck« und »Anette Behnken« hören. Wie sagt man so schön: Der Name ist Programm.

Schuld sind natürlich mal wieder die Eltern. Mit Namen wie Dankward, Auguste, Hitlerike, Chlodwig, Gisbert, Irmtraud, Adolar oder noch besser Fürchtegott hätte aus den erwähnten Theologen durchaus etwas werden können. Aber so? Viel zu oft vergisst man: Der richtige Name ist wichtig! Hellmuth Karasek konnte praktisch nur als Literaturkritiker enden. Als Helmut Karasek hätte er es höchstens zum SPD-Ortsbürgermeister von Hamburg-Eimsbüttel gebracht.

Bei mir entschieden sich meine Eltern für Karsten mit K. Eigentlich sollte ich ein Michael werden, aber da ist die Nachbarsfamilie meinen Eltern leider zuvorgekommen – und man will ja originell sein. Da ein Umzug zu teuer gewesen wäre, entschied man sich zur pränatalen Namensänderung. Ich frage mich oft (eigentlich noch öfter als »was wohl aus Ottheinrich Knödler geworden ist«), wie mein Leben als Michael wohl verlaufen wäre.

In meiner Grundschulklasse gab es gleich mehrere Michaels, mit denen ich mich hätte verbrüdern können. In einer Schule, die vorwiegend von Bernds, Jörgs und Dirks bevölkert wurde, war ein Karsten mit K natürlich ein unbequemer Abweichler. Da blieb nur die Flucht in die Zeichnerei, während ich als Carsten mit C heute sicher ein Leben als Sozialpädagoge oder C&A-Hemdenverkäufer fristen würde.

Aber ich will mich nicht beschweren: Mit einem Namen wie Ottheinrich wäre einem wahrscheinlich nichts anderes übrig geblieben, als Drummer in einer Punkband zu werden. Da Ottheinrich Knödler 1931 geboren wurde, war es für die ganz große Punkrock-Karriere ein wenig zu spät. Doch immerhin erhielt er für seine zahlreichen Samstagspredigten die Bundesverdienstmedaille, so las ich heute. Beim Fernsehen landete der ehemalige Schuldekan nur »aus Spaß«. Gestorben ist er im letzten Jahr – doch sein Geist lebt weiter. Denn nie wurde in den Medien so viel geknödelt wie heute.

Endstation Sofa

 

ImageDer erste Eindruck ist oft der entscheidende. Mein erster Eindruck von der Welt der Malerei war ein Alpenpanorama, das bei meinen Eltern über dem Sofa hing. Bei meinen Großeltern sah man ein ähnliches Bild, welches sogar einen röhrenden Hirsch bieten konnte. Meine andere Oma hatte dagegen Drucke von Margaret Keane im Flur hängen. Ich erinnere mich besonders an ein glubschäugiges Kind mit einer Blume in der Hand.

Etwas gehobener ging es beim Zahnarzt meiner Mutter zu, dessen Wartezimmer-Wände impressionistisch angehauchte Venedigimpressionen zierten. Der Clou war aber ein Ölgemälde, das über dem Ehebett meiner Tante Elfriede hing: ein Engel, der in sturmgepeitschter Nacht zwei Kinder über eine Brücke geleitet. Kein Wunder, dass sie nie Nachwuchs hatte. Auch ich hatte Alpträume, wenn ich auf Familienfesten in diesem Bett schlafen musste.

Alpine Bergpanoramen kamen zum Glück irgendwann aus der Mode. Später besuchte ich einen Freund, der alle Altenheime der Region abklapperte, um solche Ölschinken zu ergattern. Eines seiner Zimmer war vom Boden bis zur Decke komplett mit der Flora und Fauna der heimischen Bergwelt bedeckt. In dieser Massivität wirkte so etwas schon wieder beeindruckend. Über die ästhetischen Irrungen und Wirrungen meiner Sippe konnte ich nur lachen. An meinen Wänden fristen ausschließlich alte Filmplakate, die ich mit Tesa befestigte, ihr Gnadenbrot: Star Wars, Godzilla und ähnliche cineastische Leckerbissen.

Später traf ich immer wieder Menschen, die ihre Kunst direkt im Möbelhaus kauften – passend zum Sofabezug. Was dort hing, war ihnen irgendwie egal. Nur geschmackvoll sollte es sein. Was bedeutet: möglichst neutral und langweilig. Man will ja schließlich niemanden aufregen. Kaufhauskunst nennt man das wohl. Im Grunde ist es die Fortsetzung der Wohnzimmertapete mit gehobenen Mitteln. So tragen wir unser eigenes Kunstverständnis tagtäglich auf unseren Wänden zur Schau.

Pech für alle Künstler, die Verstörendes auf die Leinwand bringen. Vor ein paar Jahren malte einer meiner Freunde eine ganze Serie sogenannter »Cum Shots«. Zuerst vermutete ich, es handele sich um Frauen, die unter der Dusche stehen. Dann erkannte ich, dass es sich um eine andere Flüssigkeit als Duschgel handelt. So ein Bild hätte ich gern in meiner Wohnung. Wenn ich eine Party geben würde, wäre für jede Menge Konversation gesorgt. Zudem wäre es schön, alle Menschen zu schockieren, die sich von avantgardistischen Motiven brüskiert fühlen. Kunst sollte schließlich aufrütteln, nicht einschläfern. Eine meiner Verflossenen sagte einst: »Das schlimmste Verbrechen, das man begehen kann, ist mich zu langweilen«. Recht hat sie. Dass sie es sagte, bevor sie ihren Kram packte und mich verließ, ist natürlich eine andere Geschichte.

Zuerst dachte ich, mein Freund würde mit diesen »Cum Shots« den großen Durchbruch schaffen. Doch dem war leider nicht so. Die breite Masse mag lieber Drucke alter Meister, antike Fotos von Bauarbeitern, die in höchsten Höhen auf Stahlträgern frühstücken, Fotos von Sonnenuntergängen, Babys oder noch besser: Katzenbabys. Die Romantiker unter uns hängen sich Bildnisse von Einhörnern, Wasserfällen und schillernden Regenbögen übers Sofa. Weil der Blick von dort aus sowieso meist Richtung Fernseher schweift, ist das nicht weiter tragisch.

Auch ich habe Kaufhauskunst in meiner Wohnung. In meiner Küche, dem Raum also, in dem ich mich am wenigsten aufhalte, hängen zwei Bilder aus dem Hause Ikea. Ich habe mir nie die Mühe gemacht, die – höchst geschmackvollen – Fotos, die sich in den Rahmen befinden, auszutauschen. Und ich liebe die entsetzten Blicke meiner unangepassten Freunde, wenn sie meine Küche betreten.

Ist Goetterspeise Blasphemie?

 

ImageEines Tages stand der Pfarrer bei meinen Eltern vor der Tür. Er frage sich, erzählte er meinen Erzeugern, wieso ich nicht zum Konfirmandenunterricht erscheine. »Weil ich nicht an Gott glaube«, antwortete ich blitzschnell. Diese Offenheit schien ihn zu verwirren. Ohne weitere Diskussionen zog der wackere Gottesmann weiter. »Keine Angst, der Junge wird auch noch erwachsen«, tröstete er meine Eltern zum Abschied. Zu meinem Unglück sollte er recht behalten.

Dabei fand ich die Geschichten aus der Bibel eigentlich prima. Vor allem Bibelverfilmungen hatten es mir angetan. Sie strotzten nur so vor krausen Ideen, Gewalt und billigen Special Effects. Quentin Tarantino hätte es nicht besser machen können. Doch auch andere Religionen fand ich spannend.

Zum Beispiel Scientology: Wer die oberste Stufe erreicht hat, ist immun gegen Atomstrahlen und kann sogar mit Tieren sprechen. Sagt man. Eingefleischte Scientologen glauben angeblich an Xenu, einen fiesen galaktischen Herrscher, dessen 75 Millionen Jahre zurückliegende Taten das heutige Leben auf der Erde maßgeblich beeinflussen. Mit der Hilfe von Psychiatern(!) soll er Millionen von Menschen unter dem Vorwand einer »Einkommensteuer-Inspektion« vorgeladen haben, um sie mit Injektionen von Alkohol und Glykol zu lähmen. Und das ist nur der Anfang der Geschichte!

Schriftsteller Harlan Ellison erzählt gern, dass er damals zugegen war, als sein Kollege L. Ron Hubbard verkündete, er habe es satt, für einen Hungerlohn Science Fiction zu schreiben. »Dann gründe doch einfach eine Religion«, riet ihm einer seiner Freunde im Scherz. Hubbard gefiel die Idee. Der Rest ist (Glaubens-)Geschichte.

Die Mormonen haben es da besser. Kontroversen gibt es bei ihnen kaum. Nach mormonischer Überlieferung hat der Prophet Joseph Smith jr. das Buch Mormon 1827 von goldenen Platten, die er in den Hügeln Cumorah fand, übersetzt. Gesehen hat diese Platten außer ihm allerdings niemand. Seine frohe Botschaft von Gott hörte sich so schön an, dass Smith schnell Anhänger fand. Auch wenn sich vieles im Buch Mormon höchst absurd anhört: 15 Millionen Gläubige können sich nicht irren. Oder doch?

Eine andere beliebte Religion vertritt die wahnwitzige Theorie, unser Planet sei innerhalb einer Woche entstanden und Frauen entstammen einer Rippe, die dem Manne entnommen wurde, während dieser kurz eindöste. »Samenraub« kennen wir dank Boris Becker zum Glück. Aber »Rippen-Klau«? Ferner stamme die gesamte Weltbevölkerung von einem einzelnen Paar ab. Dass Inzest zu Schwachsinn führt, ist ja hinlänglich bekannt. Zumindest haben wir so wenigstens eine gute Ausrede, wenn die Menschheit mal wieder Mist baut.

Die Weltreligionen wimmeln von Absurditäten dieser Art. Selbst »Perry Rhodan« macht mehr Sinn. Nicht wenigen Gläubigen sind die albernen Aspekte ihrer Religion etwas peinlich. Einige Scientologen versuchen daher die Science-Fiction-Motive ihres Glaubens herunterzuspielen. Progressive Christen behaupten schon seit Jahrzehnten, bei der Schöpfungsgeschichte handle es sich lediglich um ein Gleichnis. Doch keiner von ihnen kann so recht erklären, wieso ausgerechnet ein Haufen alternder männlicher Jungfrauen in der Lage sein soll »Gottes Stellvertreter auf Erden« zu wählen.

Diese Religion! Irgendwie scheint der Mensch nicht ohne sie existieren zu können. Allein die Vorstellung, dass unser Leben eines Tages einfach vorbei ist, scheint für die Mehrheit unerträglich zu sein. Daher bieten die meisten Religionen ein Leben nach dem Tod, ein schönes gemütliches Paradies (mit oder ohne 72 Jungfrauen), unsterbliche Seelen oder Reinkarnation an. Da macht das Sterben doch gleich mehr Spaß.

Vielleicht ist es auch die Macht der Gewohnheit. Religion ist etwas, das man von seinen Eltern übernimmt; wie den ganzen Tag im Jogginganzug vor dem Fernseher zu hocken, abgeschnittene Fußnägel in Bierdosen zu stecken oder andere unschöne Angewohnheiten. Man denkt einfach nicht darüber nach. Man denkt ja auch nicht darüber nach, wieso Donald Duck keine Hose trägt und trotzdem nie verhaftet wird.

Dass der Glaube eine sehr persönliche Sache ist und jeder nach seiner eignen Façon selig werden soll ist zwar in der Theorie eine gute Idee, doch die Praxis sieht leider anders aus. Viele Gläubige treibt ein geradezu missionarischer Eifer in die Fußgängerzonen, um dort ihre diversen Flugblätter an den Mann (bzw. an die Frau) zu bringen. Es reicht eben nicht, dass man »seinen« Gott gefunden hat. Alle anderen sollen ihn gefälligst ebenfalls anbeten. Falls sie das jedoch verweigern, sprengt man sie notfalls in die Luft. Wenn man selbst dabei draufgeht, dann ist das nicht weiter tragisch, denn im Paradies lebt es sich ohnehin komfortabler als in einer engen Sozialwohnung. Für einige männliche Singles ist das Paradies zudem die einzige Möglichkeit ein paar willige Jungfrauen kennenzulernen. Apropos Jungfrauen: Frauen haben in den meisten Glaubensrichtungen am wenigsten zu lachen. Warum gerade sie zu den größten Fürsprechern der Religion zählen, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Ein anderer Grund, wieso Religionen so beliebt sind, hat mit der Eigenverantwortung zu tun, die einem die Kirche abnimmt. Gott verzeiht schließlich alles. So braucht man nicht aus seinen Fehlern zu lernen, sondern muss einfach nur ganz viel beten.

Karl Marx behauptete einmal, Religion sei Opium fürs Volk. Dennoch hat die Religion wesentlich mehr Menschenleben gekostet als alle Opiumhöhlen dieser Welt zusammengerechnet. Einige werden jetzt vielleicht einwenden, dass die Religion auch Gutes bewirkt hat. Das stimmt: Zum Beispiel haben viele Pädophile dank der Kirche ein Dach über dem Kopf. Selbst im Internet trifft man auf Gott, denn »God« hat sogar eine eigene Fanseite bei Facebook – und zwar als »Comedian«. 2.263.404 Menschen scheint er zu gefallen. Das hört sich zunächst nach sehr viel an, doch wenn man bedenkt, dass Arnold Schwarzeneggers Fanseite mit 14.127.256 Anhängern aufwarten kann, kommt man nicht umhin, sich Sorgen zu machen.

Übrigens verlor ich irgendwann das Interesse an den Bibelverfilmungen. Der Pfarrer hatte recht: Ich wurde erwachsen und begann mich für die Realität zu interessieren, statt in Fantasiewelten zu flüchten. Inzwischen ist mein Desinteresse in eine regelrechte Abneigung umgeschlagen. Noch nie waren mir Gott und sein Fanclub so unsympathisch wie heute. Besonders ein Jahr nach dem Attentat auf »Charlie Hebdo«. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass wir Europäer gegenwärtig den islamistischen Terror fürchten wie früher Beelzebub. Zu Zeiten der Kreuzzüge mussten sich die Moslems vor den Christen fürchten – ein anderer Beweis dafür, dass sich die Geschichte immer kreisförmig bewegt.

Es ist schon merkwürdig, wie ein paar jahrhundertealte Schriften die Menschheit noch immer spalten: in Kirchensteuerpflichtige und Atheisten. Nur bringen die Atheisten Andersgläubige nicht um.