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Ist Goetterspeise Blasphemie?

 

Image»Eine meiner Verflossenen pflegte zu sagen: ›Das schlimmste Verbrechen, das man begehen kann, ist mich zu langweilen‹. Recht hatte sie. Dass sie dies sprach, bevor sie ihren Kram packte und mich verließ, ist natürlich eine andere Geschichte.«

Man weiß so wenig! Wie sehr hat das Fernsehprogramm der Kindheit unseren moralischen Kompass geprägt? Warum sind Wörter wie »Po- madenhengst« und »Potztausend« vom Aussterben bedroht? Ist Göt- terspeise Blasphemie? Und wieso sind sämtliche Gemälde dazu ver- dammt, letztendlich ihr Leben hinter irgendeinem Sofa zu verbringen? Autor und Cartoonist Karsten Weyershausen versucht diesen und an- deren Rätseln unserer Existenz auf die Spur zu kommen. Die vorliegenden Texte, die während der letzten Jahre für Kolumnen und den Literaturblog wortmax.de entstanden, liegen nun erstmals in gesammelter und komplett überarbeiteter Form vor.?

Leseprobe

Eine Freundin von mir hat seit neuestem einen Untermieter. Wenn ich nun zur Kaffeestunde mit ihr in ihrer Küche sitze, kann es durchaus passieren, dass ein bärtiger Mann im Bademantel herein schlurft. »Tach«, sagt er dann nur knapp, schnappt sich etwas aus dem Kühlschrank und verschwindet stehenden Fußes in sein Zimmer. Etwas befremdlich finde ich das schon. Meine Freundin hat jedoch WG-Erfahrung und meint, so etwas sei ganz normal. Früher musste sie stundenlang vor dem WC warten, wenn sich ihre Mitbewohnerin mit einem Lover in der Badewanne vergnügte. Natürlich hätte sie sich auch zu ihnen ins Bad bege- ben dürfen, so weltoffen war man damals schon, doch irgend- wie mochte sie nicht vor den Beiden die Hosen runterlassen. Der große Knall kam, als sich ihre Mitbewohnerin ständig Sachen von ihr auslieh, ohne jedoch vorher zu fragen. Irgend- wann entdeckte sie einen großen Brandfleck auf ihrer Lieb- lingsjacke. Zur Rede gestellt, zeigte die Mitbewohnerin keiner- lei Schuldbewusstsein. »Ist doch nur eine Jacke«, kommentierte sie lapidar. Danach durfte sie flugs ihre Koffer packen, denn der Mietvertrag lief zum Glück auf den Namen meiner Freundin.

Karsten Weyershausen: Ist Götterspeise Blasphemie? Und andere nutzlose Gedanken zu Dingen, die sowieso nicht zu ändern sind, edition wortmax, Braunschweig, ca. 155 Seiten, 9,90 Euro.